42,195 km durch Regen, Eis und Wind: Der Boston-Marathon 2018

Ein Montagmorgen im April, in Hopkinton, einem Vorort von Boston, Massachusetts. Es regnet in Strömen bei 3 Grad. Unter den Bäumen am Straßenrand und in den Vorgärten liegt Eis, der gefrorene Regen der Nacht. Ein böiger Wind fegt durch die Straßen. Es ist nicht das Wetter, von dem ich geträumt habe, während ich mich in den letzten vier Monaten auf den großen Tag vorbereitet habe. Doch jetzt gibt es kein Zurück. Der Boston-Marathon ist der prestigeträchtigste der Welt, dieses Jahr findet er zum 122. Mal statt. Die Teilnahme ist für 30.000 ambitionierte Hobbyathleten ein Karrierehöhepunkt. Erst Sekunden vor dem Start lege ich Poncho und Pullover ab, habe mich einigermaßen warmgehalten.

Ich lebe seit vier Jahren in New York. Nach 15 Jahren Stadionleichtathletik beim TSV Eintracht Karlsfeld bei Claus Fiebig auf der Mittelstrecke und im Hindernislauf war der Marathon das nächste Ziel nach meinem Wiedereinstieg in den Laufsport. Boston wird mein sechster Marathon sein. Die ersten fünf haben, über zwei Jahre verteilt, einem Ziel gedient: der Qualifikation und Vorbereitung für Boston. In meiner Altersgruppe war für 2018 eine Zeit von 3:01:37 Stunden nötig. Ich hatte mich letztes Jahr mit 3:00:07 qualifiziert und war im Herbst dann zwei Mal 2:56 Stunden gelaufen.

Nach dem Startschuss geht es bergab, ich muss zusehen, nicht zu schnell anzufangen. Die ersten zwei Kilometer schlottere ich in der Kälte. Der Regen hat etwas nachgelassen und ich schöpfe Hoffnung, dass sich der Sturm doch etwas abschwächt. Doch bei km 10, im Dorf Framingham, laufe ich in einen Regenguss mit weniger als 150 Meter Sicht. Den Rest des Rennens wird es weiter regnen – mal mehr, mal weniger stark. Ich bin längst bis auf die Knochen durchgeweicht.

Trotz des Hundewetters stehen Tausende am Straßenrand und feiern. Viele haben Pavillons in ihren Vorgärten aufgebaut. Es ist Feiertag in Massachusetts, „Patriot’s Day“: Der Marathon findet traditionell an dem Montag statt, an dem der Boston Tea Party gedacht wird. Die meisten trinken heute aber nicht Tee, sondern Bier. Der Kurs führt seit 1897 unverändert durch sieben Vororte Bostons und endet im Stadtzentrum. Bei km 20 passiere ich das Wellesley College, wo die Studentinnen mit ihren Stimmen den „Schreitunnel“ formen und Gänsehautatmosphäre erzeugen.

Nach 1:25:30 Stunden bin ich an der Halbmarathon-Marke. Bislang geht mein Plan auf, mit vorsichtigem Tempo zu starten und dann alle 10 Kilometer zu beschleunigen. Probleme bereitet mir allerdings die Verpflegung: In der nassen Kälte bekomme ich mit gefrorenen Fingern meine Energy-Gels nicht auf, und muss mich auf Elektrolyt-Getränke beschränken.

Ich erreiche die „Newton Hills“, für die der Boston-Marathon berühmt-berüchtigt ist: Vier Anstiege zwischen km 25 und 33 – der letzte, „Heartbreak Hill“, ist benannt nach einem legendären Zweikampf im Jahr 1936. Für sich genommen ist jeder der Anstiege mittelschwer, doch sie kommen zu einem Punkt im Rennen, an dem die Erschöpfung den Läufern zu schaffen macht. Mein Schritt ist nicht mehr rund, meine Muskeln machen zu. Am Heartbreak Hill (siehe Foto) regnet es wieder aus Kübeln. Als ich km 35 erreiche, kann ich nicht mehr verdrängen, dass ich vor Kälte zittere – bei einem Tempo von 4 Minuten pro Kilometer. Nach 37 km verabschiede ich mich von meinem Traumziel, einer Zeit unter 2:50 Stunden. Jetzt gilt es, mich über die Ziellinie zu retten an einem Tag, an dem fast 10% der Teilnehmer medizinische Hilfe brauchen werden.

Bei km 40 – endlich in der Innenstadt – laufe ich an meinen Eltern und Freunden vorbei, die extra nach Boston gekommen sind. Sie sehen mich während meines langsamsten Kilometers. Ich bin glücklich, dass ich überhaupt noch auf den Beinen bin. Ich biege in die Zielgerade ein, „right on Hereford, left on Boylston Street“, bei ohrenbetäubendem Lärm und Partystimmung inmitten eines Frühjahrssturms. Nach 2:54:52 bin ich im Ziel am Copley Square, als 1030. unter 26.000 Finishern.

Ich habe wohl kein einziges Mal gelächelt, aber jeden Moment meiner ersten Boston-Teilnahme im absurd schlechten Wetter genossen. Bei Bedingungen, wie ich sie in 20 Jahren Laufsport und mehr als 250 Wettkämpfen nicht erlebt habe, freue ich mich über meine Bestzeit, trotz Unterkühlung und dem Einbruch am Ende, der eine noch bessere Zeit verhindert hat. Vier Monate und 950 Kilometer Vorbereitung haben sich ausgezahlt. Für nächstes Jahr steht fest: I’ll be back.

IMG 1907 MS Boston by SW hi res

Martin Sommerschuh

Zurück ...